Heft 3/2004 - Welt Provinzen
In dem Buch »Die Revolution der Städte« (1970) rekonstruiert der französische Philosoph Henri Lefebvre die Geschichte des Urbanisierungsprozesses, die von drei raum-zeitlichen »Kontinenten« geprägt ist: das Ländliche, das Industrielle und das Urbane. Es handelt sich dabei um Kraft- und Konfliktfelder, die spezifische Denk-, Handlungs- und Lebensweisen repräsentieren. Diese Epochen kennzeichnen nicht nur eine historische Abfolge, sondern auch ein räumliches Nebeneinander; sie können sich überlagern und ineinander »verschachteln«. So lebt die Dynamik der bürgerlichen Revolution von einer konfligierenden Überschichtung von Zeitaltern und Mentalitäten – von Kapitalismus und vorindustrieller Produktion, von Kasten und Klassen, von ererbter Legitimität und erworbenem Besitz. Noch gibt der Adel den Ton an, aber das Bürgertum ist bereits das eigentlich handelnde Subjekt. Die Achse der gesellschaftlichen Produktion und Reproduktion wird schon von dem Verhältnis Lohnarbeit und Kapital bestimmt. Ebenso durchlaufen heute die Länder des Trikont gleichzeitig eine landwirtschaftliche, eine industrielle und eine urbane Ära. Für Lefebvre bilden »Industrialisierung« und »Verstädterung« eine dialektische Einheit: Die Industrialisierung der Gesellschaft bedeutet immer auch eine Urbanisierung. Einerseits führt die industrielle Dynamik zu einer Zusammenballung von Arbeitskräften und Produktionsmitteln, sprich zur Herausbildung von Agglomerationen, anderseits bringt die Industrialisierung auch den Ausbau einer urbanen Infrastruktur mit sich.
Dieser Vorgang lässt sich gegenwärtig anschaulich in der VR China beobachten. Das Land hat sich nicht nur zur »Werkbank« der Weltwirtschaft entwickelt, sondern macht zugleich einen unglaublichen Urbanisierungsschub durch.
Auf der Raum-Zeit-Achse von Lefebvre gleicht die Stadt zunächst einer Insel, umgeben von einem Ozean aus Land. Dann kommt es zu einer prekären Balance, in der sich beide Welten gleichwertig gegenüberstehen. Mit der Durchsetzung des Kapitalismus erhält die Stadt mehr und mehr das Übergewicht. Schließlich zerbirst sie und verschlingt die Überbleibsel des ländlichen Daseins. Obwohl die Stadt mit der vollständigen Urbanisierung der Gesellschaft keine eigene Produktions- und Lebensweise mehr darstellt, verliert sie ihre spezifische Funktion der Zentralität nicht, sie wird vielmehr als Kontroll- und Entscheidungszentrum wiederhergestellt. Die neue Qualität der Zentralität führt Lefebvre unter anderem auf die Verbreitung der modernen Informationstechnologien zurück. Daten- und Wissensströme aus aller Welt können an einem Punkt verdichtet und bearbeitet werden, die Gleichzeitigkeit intensiviert sich.
Dieser Vorgang führt dazu, dass den urbanen Zentren zunehmend die Aufgabe zukommt, die Intellektualisierung der produktiven Arbeit voranzutreiben. Damit transformiert sich für Lefebvre auch der Stadt-Land-Gegensatz. Der wesentliche Widerspruch ist nun im Inneren des Phänomens der Urbanisierung zu suchen: »zwischen der Zentralität der Macht und anderen Formen der Zentralität, zwischen dem ›Reichtum-Macht‹-Zentrum und den Peripherien, zwischen der Integration und der Absonderung«.
Die Produktion ungleicher Räume
Das Phänomen der Globalisierung wird häufig mit einem Bedeutungsverlust des Raumes gleichgesetzt: Geografische Orte seien praktisch ununterscheidbar geworden und dienten für viele Menschen nicht mehr als primäre Bezugspunkte der Identität und des Alltagslebens. Das System der Weltgesellschaft bestehe ausschließlich aus Kommunikation, die jegliche Territorialität transzendiere.
So deterritorialisiert das Kapital auch erscheinen mag, seine globale Reproduktion kann nur deswegen stattfinden, weil es sich auf der internationalen Raummatrix der Arbeitsprozesse und der Ausbeutung bewegt. Der Prozess der Kapitalakkumulation und die damit verbundenen Regulationsweisen artikulieren sich stets in territorialen Formen. Auf der weltweiten Suche nach Surplus-Profiten vertraut das Kapital auf räumlich segmentierte und qualitativ unterschiedliche Arbeitsmärkte. Eine grundlegende Eigenschaft des Kapitalismus besteht darin, regionale Ungleichheiten und ungleiche Beziehungen immer wieder neu herzustellen und zu fixieren. Dies bedeutet einerseits, dass das Kapital bestrebt ist, räumliche Hindernisse für seine Zirkulation zu beseitigen, ein Vorgang, den Karl Marx als »Vernichtung von Raum durch Zeit« umschrieben hat. Dieser Drang nach einer kontinuierlichen Beschleunigung des Kapitalkreislaufes setzt aber andererseits auch die »Produktion von Raum« (Henri Lefebvre) voraus. Denn nur durch die Bereitstellung einer materiellen Infrastruktur kann die Zirkulation von Gütern und Waren ermöglicht werden. Die räumliche Organisation ist somit die notwendige Voraussetzung dafür, den Raum überwinden zu können. Doch durch solche Investitionen wird Kapital langfristig in urbane Strukturen gebunden. Und da diese bauliche Umwelt relativ unbeweglich ist, gerät sie früher oder später in Konflikt mit der Dynamik technologischer Innovationen und veränderter ökonomischer Verwertungsstrategien. Der Kapitalismus erzeugt eine geografische Landschaft, die für eine gewisse Zeit dem jeweiligen Entwicklungsmodell entspricht, um sie dann im nächsten Zyklus wieder zu zerstören. Insbesondere bei großen ökonomischen Krisen, zu denen es in den letzten zweihundert Jahren immer wieder gekommen ist, stellen die Organisierung neuer territorialer Arbeitsteilungen oder die Erschließung dynamischer Regionen mögliche Lösungen dar, um überschüssiges Kapital und überschüssige Arbeit zu absorbieren. Das Umleiten von Kapitalströmen hinterlässt in den tradierten Raumstrukturen Spuren der Verwüstung in Form von aufgegebenen Fabriken, Investitionsruinen und entvölkerten Stadtquartieren. Zugleich ist es Ziel dieser Restrukturierung, mit einer neuen Raummatrix der Arbeitsteilung den nächsten Wachstumsschub einzuleiten.
Der fordistische Akkumulationsprozess hatte zu einem Mosaik von Zonen geführt, das den gesamten Raum im Sinne einer Zentrums-Peripherie-Struktur einbezog, und zwar sowohl innerhalb der nationalen Gesellschaft als auch auf der internationalen Ebene. Seit den achtziger Jahren wird jedoch das fordistische Mosaik zunehmend durch Netzwerke ersetzt, deren Knotenpunkte stärker untereinander als mit ihrer direkten Umgebung verknüpft sind. Es handelt sich um eine »Archipel«-Ökonomie, mit produktiven Wachstumspolen, bei gleichzeitiger Marginalisierung der dazwischen liegenden Räume. Auffallend ist, dass sich die Strukturen der sozialräumlichen Ungleichheit auf allen territorialen Ebenen – lokal, regional, national, global – wiederholen: Zentren und Peripherien durchdringen einander, die »versunkenen« Gebiete zwischen den Archipelen werden zunehmend abgekoppelt. Sie hören damit auf, Peripherien im herkömmlichen Sinne zu sein, da keine komplementäre Beziehungen zu anderen Räumen bestehen.
Lesarten des Peripheren
Für den Soziologen Niklas Luhmann ergibt sich die Zentrums-Peripherie-Struktur aus der Ausdifferenzierung von Zentren. »Sie ist gleichsam im Zentrum zu Hause. Mehr als die Peripherie hängt deshalb das Zentrum mit seinen Errungenschaften und Differenzierungen von dieser Differenzierungsform ab.« Obwohl das moderne Gesellschaftssystem auf die »Inklusion der Gesamtbevölkerung« angelegt sei, gebe es »zur Überraschung aller Wohlgesinnten« gleichwohl Exklusion. Jeder, der einen Besuch in den Favelas südamerikanischer Großstädte wage, könne sich davon überzeugen, dass hier alle Erklärungsmuster scheiterten. Luhmann glaubt dort eine aufs Körperliche reduzierte Existenz wahrzunehmen, der er »Gleichgültigkeit in Bezug auf bürgerliche Bewertungen – Ordnung, Sauberkeit, Selbstdarstellung mit eingeschlossen« unterstellt. »Physische Gewalt, Sexualität, triebhafte Bedürfnisbefriedigung werden wieder frei (das heißt ohne Rücksicht auf symbolische Rekursionen) verfügbar und das verhindert voraussetzungsreiche Kommunikation«. Da es Luhmann lediglich um die Unterscheidung von Inklusion und Exklusion, bezogen auf die »Ordnung der Kommunikation« geht, stellt sich für ihn die entscheidende Frage, »ob Personen als mitwirkungsrelevant oder als nichtmitwirkungsrelevant bezeichnet werden. Im einen Fall hängt etwas davon ab, wie sie agieren und reagieren, im anderen Falle nicht.« Die SlumbewohnerInnen erscheinen aus dieser Zentrumsperspektive als »nichtmitwirkungsrelevant« und fallen deshalb aus dem Kommunikationszusammenhang der Weltgesellschaft heraus. In seiner Auseinandersetzung mit Ungleichheit, rekurriert er zwar auf regionale Unterschiede, diese werden aber lediglich im Sinne eines »Entwicklungsrückstandes« gedeutet: Die Semantik von »Modernisierung/Modernität« erlaube es, »die Regionen der Weltgesellschaft als mehr oder weniger modernisiert« darzustellen. Im Grunde arbeitet Luhmann mit schlichten modernisierungstheoretischen Annahmen, die Heterogenität und Ungleichzeitigkeit nur als Normabweichung einer evolutionär gedachten gesellschaftlichen Entwicklung definieren, die ihren Ausgang in Westeuropa genommen hat.
In gewisser Weise nimmt der russische Kultursemiotiker Jurij Lotman eine Gegenposition dazu ein. Er begreift die Peripherie nicht nur als einen Ort der Ausgrenzung, sondern auch als Ort des Widerstandes, aus dem kreatives Potenzial erwächst. Für ihn generiert das Zentrum normative Beschreibungen, die dann auf die gesamte Kultur ausgedehnt werden. Da die lokalen Diskurse der Peripherie nicht der Norm des Zentrums entsprechen, gelten sie von dort aus gesehen als nicht-existent bzw. nicht anschlussfähig. Das Zentrum ist jedoch dadurch, dass es sich den von ihm selbst produzierten Normen unterordnet, unbeweglich. Von hier aus können deshalb keine innovativen Impulse mehr ausgehen. Die Peripherie hingegen bringt neue Ideen und Texte hervor, die mit den Normen des Zentrums brechen und in ästhetischer Hinsicht kreativ sind. Von Zeit zu Zeit werden deshalb bestimmte künstlerische Artikulationen der Peripherie als interessanter als die des Zentrums erachtet. Der Austausch führt letztlich dazu, dass die revolutionäre periphere Strömung irgendwann ins normalisierende Zentrum rückt. Diese Anerkennung der einstigen Peripherie bringt nach Ansicht des Kultursemiotikers zunächst einen Vorteil, ist es doch Ziel jeden ästhetischen Strebens, aus dem marginalisierten Zustand herauszutreten. Andererseits läuft dieser Vorgang auf eine Zähmung der ehemals »wilden« peripheren Phänomene hinaus. Sie verlieren ihren avantgardistischen Glanz, werden von der Statik des Zentrums angesteckt und schließlich von einer neuen peripheren Strömung abgelöst.
Das Problem von Lotmans Position besteht darin, das Phänomen der Peripherie aus einer ästhetisch-produktivistischen Perspektive zu bewerten, die den Verlust des marginalen Status letztlich als kreativitätshemmend erachtet. Die sozialräumlichen und politischen Effekte einer dauerhaften Exklusion bleiben dabei unberücksichtigt.
Provinzialität und Zentralität
Bei dem Begriff »Provinz« handelt es sich um ein ausgesprochen schillerndes Phänomen. Alltagssprachlich betrachtet sind damit eher abwertende Assoziationen verbunden: entweder im Sinne von Langeweile und gesellschaftlicher Isolation oder als Ausdruck bedrückender politischer und sozialer Verhältnisse. Ein Hort der Dumpfheit, der auf Dauer auch den zugezogenen Großstädter zum Provinztrottel macht. Auf diesen Umstand verweist Carl Améry mit einer kleinen Geschichte: Ein aus der Metropole Wien nach Linz verschlagener Beamter schildert einem alten Freund die eigene Entwicklung wie folgt: »Im ersten Jahr – da maanst du stirbst. Im zweiten Jahr – na, da wirst allmählich a bisserl deppert. Und im dritten – im dritten, da bist eben a Linzer.«
Bei solchen Zuschreibungen kann man natürlich nicht stehen bleiben, verkörpert doch die Provinz auch die strukturelle Ungleichheit von Räumen. In der vorindustriellen Zeit beschränkte sich »Provinz« noch weit gehend auf den punktuellen Gegensatz von Hauptstadt und »flachem Land«. Die einzelnen Regionen waren untereinander noch relativ gleichartig. Sieht man von einigen wenigen Handels- und Gewerbezentren ab, so resultierten bestehende Unterschiede aus landwirtschaftlichen und topografischen Gegebenheiten. Mit der Industrialisierung nehmen nun die Ungleichheiten völlig andere Dimensionen an. Der Gegensatz verliert seinen punktuellen Charakter: Ganze Regionen werden von der Dynamik der kapitalistischen Warenökonomie erfasst, die Unterschiede und Abstände zwischen den einzelnen Räumen beginnen sich zu vertiefen. Die Provinz transformiert sich von einer fast abgeschlossenen, auf den regionalen Markt beschränkten Kleingesellschaft zu einem territorialen Gebilde, das in vielfältiger Weise vom nationalen und internationalen Markt abhängig ist. Im Fordismus setzt dann eine umfassende Normalisierung und Homogenisierung der Gesellschaft ein. Grundsätzlich war diese Regulationsweise auf eine quantitative Steigerung des Produktionsvolumens und eine räumliche Expansion der industriellen Strukturen ausgerichtet. In der Annahme, dass das nationale Territorium als Ganzes die entscheidende geografische Einheit darstellte, sollte durch ein Gerüst von »zentralen Orten« gleichmäßiges Wachstum hergestellt und bestehende sozialräumliche Disparitäten beseitigt werden. Ziel war die »Einheitlichkeit der Lebensverhältnisse« und eine gesamtgesellschaftlich ausgewogene Wohlfahrtssituation. Die städtebaulichen Disziplinen versuchten einen homogenen Raum zu erzeugen, der über funktionale Trennungen von Arbeiten, Wohnen und Verkehr zusammengehalten wurde. »Das Ergebnis dieser Normierung und Integration«, konstatiert der Sozialpsychologe Peter Brückner gegen Ende der siebziger Jahre, »ist eine neue Gestalt von ›Wirklichkeit‹, eben die Normalität, die das Partikulare, das qualitativ Andere nur noch als Abweichung registriert. (...) Das Besondere verschwindet im Abseits.« Die Differenz einander überschichtender Epochen ebnet sich ein: Stadt- und Verkehrssysteme, Bildung, Umgangsformen und Wahrnehmungsweisen werden modernisiert und angeglichen.
Verflüchtigt sich damit auch das »Provinzielle« und das Ungleichzeitige? Für Henri Lefebvre ist die vollständige Urbanisierung der Gesellschaft nicht mit einer Homogenisierung des sozialen Raums gleichzusetzen, denn die Stadt wird als Entscheidungszentrum neu erschaffen. Dessen Logik impliziert Gleichzeitigkeit von allem, was sich an einem Punkt verdichten lässt. Auf der einen Seite besteht die Produktivität der Zentralität darin, die unterschiedlichen Elemente der Gesellschaft zusammenzuführen und miteinander reagieren zu lassen. Daraus kann etwas Neues und Überraschendes entstehen. Auf der anderen Seite wird der Zugang zu dieser gesellschaftlichen Ressource von den Mächten kontrolliert und damit die Produktivität des Städtischen begrenzt. Zugleich lebt nach Lefebvre die Dynamik des gegenwärtigen Urbanisierungsprozesses vom Gegensatz der Zentralisierung und der Zerstreuung: »Jeder Punkt kann zum Brennpunkt werden, zum privilegierten Ort, an dem alles konvergiert. Sodass jeder städtische Raum in sich dieses Möglich-Unmögliche trägt, seine eigene Negation. Jeder städtische Raum war somit, ist und wird konzentrisch und poly-(multi-)zentrisch sein.« Zentralität scheint damit in der urbanisierten Gesellschaft virtuell allgegenwärtig. Ein Zustand, der umgekehrt auch für die »Provinzialität« gilt. So kann etwa ein »globalisierter« Intellektueller völlig blind und ignorant gegenüber den Bedingungen des Lokalen sein – er wäre dann nichts anderes als ein Metropolentrottel.