Heft 3/1998 - Medien-Orte-Kontext
Schon wenige Monate nach seiner Erstaufführung in London vergangenen März zeichnete sich der internationale Erfolg von Dandy Dust am Queer Film-Sektor ab. Festivaleinsätze in New York, San Francisco, Los Angeles, Tokyo und Sao Paulo belegen dies. Die Odyssee, die der Co-Regisseur des Films Rote Ohren Fetzen durch Asche (1991) in seinem neuen Film zwischen Cyberspace, Transgender, Splatter, Comix, Science-fiction und Aktionismus unternimmt, läßt sich nicht nur als wildes Genrehybrid, sondern auch im Sinne einer Neuen (Medien-)Technologie von Gender lesen.
Seit Donna Haraways Cyborg Manifesto läßt sich die Gestalt des Cyborg als Einheit begreifen, welche die Fusion von Mensch und Maschine vollzogen hat beziehungsweise diese versinnbildlicht. Nach Haraway kann eine Trennung von Technologie und Körper in unserer postindustriellen Gesellschaft kaum noch nachvollzogen werden, und so dient das Konzept »Cyborg« mittlerweile als Platzhalter für jedwedes »Dazwischen« beziehungsweise »beides«. Hans Scheirls Dandy Dust zeigt, wie das Konzept »Cyborg« - im Gegensatz zum Cyborg-Charakter in der populären Science-fiction - im Spielfilm zum Einsatz kommen und eine Dekonstruktion von Geschlechteridentität und Narrationsfunktion der Charaktere vollziehen kann.
»Ein persönlichkeitsgespaltenes Cyborg von fluidem Geschlecht zoomt durch die Zeiten, um im Kampfe gegen eine vom Stammbaum besessene Familie sein/ihr/e Selbste einzusammeln.«1 Dust, besagtes Cyborg, repräsentiert eine neue Art von Narrationsfigur, was sich am Beispiel der ZuschauerInnen-Identifikation deutlich machen läßt. Identifikation im Sinn der klassisch psychoanalytischen Filmtheorie ist schon aufgrund der nicht eindeu-tig identifizierbaren körperlichen Verfaßtheit der ProtagonistInnen unmöglich. Mal scheint Dust ein dunkelhäutiger Junge zu sein, mal ein weißer Dandy-Butch, mal eine sprechende Flamme. An seinem/ihrem Körper wird operiert, das Gedächtnis transplantiert, das Geschlecht manipuliert. Mittels sciencefictionhafter Technologien - an einem Punkt des Films ist Dust vollständig in einer Flüssigkeit aufgelöst, die durch transparen- te Schläuche pulsiert - gestaltet sich die narrative »Entwicklung« der/s Protagonistin/en als unendliche Verwandlung. Doch die ständigen Metamorphosen sind nicht Produkt der diegetischen Zeitreise von Dust, sondern folgen aus dem Konzept »Cyborg« selbst: Die Überwindung der Kategorie der »menschlichen« Erscheinungsform bedingt auch ein neues Verhältnis der ZuschauerInnen zu den Narrationsfiguren. Des - symbolischen - mimetischen Spiegelbildes beraubt, müssen sich die ZuschauerInnen in den Entstehungsprozeß der HandlungsträgerInnen einklinken, an der Genealogie der Figur sozusagen »mitbasteln«. Auf die Frage nach der »Identitätenfindung« von Dust gibt es nicht eine, sondern viele Antworten, welche auch mehrere Charakterkonstruktionen zulassen. Die vielbeschworene Diskursivität von Geschlecht wird in diesem Rezeptionsprozeß beispielhaft »vollzogen«. Der Blick der ZuschauerInnen kann in diesem Kontext durchaus mit einem performativen Sprechakt verglichen werden, also einem Akt, der durch die Benennung einen Sachverhalt beziehungsweise ein »Subjekt« konstituiert.2 Geschlecht wird in diesem Sinne nicht mehr repräsentiert, sondern auf der Bildebene des Films durch die Rezeption konstituiert, was hier - wie bei manch anderen Filmen - nicht nur »erlaubt« oder »begünstigt« wird,3 sondern unumgänglich ist.4 Doch Scheirl begnügt sich nicht mit der Anwendung des Cyborg-Konzepts auf die HandlungsträgerInnen des Films. Eine multitechnische Filmsprache dekonstruiert die traditionelle Semantik des Mediums. Dandy Dust wird von einem Konglomerat verschiedenster Aufnahmetechniken regiert: Video, digitale Bildbearbeitung, Super 8 Projektionen und Spezialeffekte sind nur ein kleiner Teil des filmischen Arsenals von Dandy Dust. So werden zum Beispiel in einer Szene verschiedene Charaktere gezeigt, die in einem Labyrinth aus Mauern umherwandern. Technisch umgesetzt ist dies durch die Projektion der vorher abgefilmten DarstellerInnen auf weiße Mauermodelle. Diese Projektionen sind wiederum abgefilmt und anschließend geschnitten worden. Dies bewirkt eine ständig von Zweidimensionalität gebrochene Dreidimensionalität. Zu Beginn erscheinen sowohl Mensch als auch Modell völlig zweidimensional, wie projiziert. Doch dann beginnen die Menschen, durch die Modelle »hindurchzugehen«. Dieser »dreidimensionale« Akt wird durch die optische Täuschung der Projektion erzielt, und plötzlich erscheinen die Modelle plastisch. Das herkömmliche Verstehen von physikalischen Gesetzmäßigkeiten - nur dreidimensionale Gestalten können durch dreidimensionale Mauern hindurchgehen - läßt jedoch vor unserem geistigen Auge auch die Charaktere plastisch erscheinen. So resultiert aus der Verdoppelung der Zweidimensionalität der Kinoprojektion eine - paradoxe - Dreidimensionalität des Sehens. Auch traditionelle Comix-Tricks finden bei Scheirl Verwendung: Sägen und Pfeile, Grundausrüstung jedes Slasher-Films, sind in Dandy Dust oft durch Papiermodelle ersetzt, werden jedoch von den agierenden Personen wie »echte« Waffen verwendet. Auch wird in Papierautos und Papiersärge eingestiegen, und das Raumschiff der Übermutter ist ganz einfach aus Papiermaché. Die Vermischung von Comix-Modellen und »Life Action« ist dabei als Allegorie auf die Fusion von Technologie und Mensch im Cyborg zu sehen. Wie im Cyborg-Konzept die Grenzen der Körperlichkeit thematisiert und aufgehoben werden, so wird in Dandy Dust die klassische Trennung von »realer« Handlung und abgefilmter Szene verflüssigt. Verflüssigt und dekonstruiert werden jedoch nicht nur Charaktere, deren Geschlechtsidentität und die Medialität des Films selbst, sondern auch klassische Genrekonventionen. Wie schon in »Rote Ohren Fetzen Durch Asche« werden auch in »Dandy Dust« Genre-Tropen zitiert und für diverse Zwecke adaptiert.5 Besonders die Splatter-Konvention hat es Scheirl angetan, und beim diegetischen Blutfließen wird ordentlich »hingeschaut«. Die surrealistische und meist als Witz inszenierte Gewalt bleibt jedoch nicht bloß intertextuelles Zitat. An S/M-Sex und Aktionismus angelehnte Szenen bis hin zu Operationstischen bilden das Spektrum der Bilderquellen für Scheirls Version von Splatter. Die technologische Realität der »Outlaw Bodies«6 fügt sich nahtlos in das fantastische Szenario eines Transgender-Unterbewußtseins ein. Das Schlüsselwort ist Herzeigen, Inszenieren. Doch während sich der traditionelle Splatterfilm mit der Übertreibung des Schockierenden begnügt, werden die Splatterer-Versatzstücke in Dandy Dust in ein vielfältiges Netz von Genretropen »eingewoben«, neu kontextualisiert und verfremdet. Mit diesen neuen Einsätzen von Gender, Genre und Technologie demonstriert Scheirl die vielfältigen Möglichkeiten, die das Format des Spielfilms für eine Queer-Avantgarde bereithält.
[1] Pressefolder zu Dandy Dust (© Hans Scheirl 1998, Übersetzung A. B.); bei der Übersetzung aus dem Englischen geht das ambivalente »natürliche« Geschlecht des Cyborgs verloren. Der Genus des Neutrums ist eine Hilfskonstruktion.
[2] Vgl. John Austin: How to Do Things with Words. Cambridge, Mass. 1994 (1962).
[3] Als klassisches Beispiel sei hier Marlene Dietrichs Kuß im Film »Morocco« zitiert. Die scheinbar heterosexuelle Romanze zwischen den beiden von Marlene Dietrich und Gary Cooper verkörperten Charakteren wird von einem lesbischen Publikum in einer bestimmten Leseart »homosexualisiert« und subvertiert, welche den - nicht im Drehbuch stehenden - Kuß zwischen Dietrich und einer Revuebesucherin als Indiz für die kolportierte Bisexualität Dietrichs interpretiert und so dem Film - oder zumindest dieser einen Szene - eine vom Regisseur nicht intendierte (?) Signifikanz gibt.
[4] Hier ist keine beliebige Intentionalität des performativen Sprechakts impliziert. Zur komplexen Beziehung zwischen dem Gesagten und dem, was hinter dem Gesagten steht, sei besonders auf das Werk von Judith Butler verwiesen. Vgl. dies.: Bodies that Matter. On the Discursive Limits of »Sex«. New York, London 1993.
[5] Christa Blümlinger spricht bei »Rote Ohren« von einer »allegorischen« Verwendung von Genreversatzstücken; vgl. Peter Illetschko (Hg.): Gegenschuß. 16 Regisseure aus Österreich. Wien 1995, S. 196.
[6] »Outlaw Bodies«, das heißt männlich-feministische, homosexuelle, lesbische oder Transgender-Körper werden von Arthur und Marilouise Kroker als Strategien gegen ein »Diktat der Reinheit« (the will to purity) beschrieben. Vgl. A. und M. Kroker (Hg.): The Last Sex. Feminism and Outlaw Bodies. New York 1993. Die österreichische Uraufführung wird - in Anwesenheit von Hans Scheirl - beim Wiener Queer Film-Festival Identities (26. November bis 3. Dezember 1998 im Filmcasino) stattfinden und von einem Wettbewerb unter dem Motto »Dandy-Diva« begleitet werden.